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Was ist anarchistischer Kommunismus?

category international | die linke | meinung / analyse author Friday November 30, 2007 22:49author by Wayne Price - (NEFAC) persönliche Meinungauthor email drwdprice at aol dot com Report this post to the editors

TEIL EINS: die widersprüchlichen Bedeutungen von Kommunismus

Die widersprüchlichen Bedeutungen von „Kommunismus“: sowohl eine Gesellschaft basierend auf Freiheit als auch eine basierend auf Totalitarismus. Was Bakunin, Kropotkin und Marx mit Kommunismus meinten und wie dieser Begriff von den LeninistInnen verändert wurde. [ English ] [ Ελληνικά ]

Teil 2: Es geht nicht um die Bezeichnung, sondern um den Inhalt

Es gab eine Vision, "Kommunismus" genannt, die von Kropotkin und anderen anarchistischen KommunistInnen (oder Anarcho-KommunistInnen) im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertreten wurde. Marx und Engels teilten im Wesentlichen das gleiche Ziel. In der staatenlosen, klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus, würden sich die Produktionsmittel in den Händen der Gemeinschaft befinden, Arbeit würde aufgrund sozialer Motive anstelle von Löhnen verrichtet werden und Konsumgüterindustrie würden für alle nach deren Bedürfnissen zur Verfügung gestellt werden.

Aber während des Kalten Krieges fing der Begriff "Kommunismus" an etwas ganz anderes zu bedeuten. Große Nationen wurden von selbsternannten Kommunistischen Parteien beherrscht. Ihre Volkswirtschaften wurden von totalitären Staaten gemanagt, ihre machtlosen ArbeiterInnen produzierten Waren für den internen und internationalen Markt und sie arbeiteten für Löhne (das heißt, sie verkauften ihre Arbeitskraft als Waren an ihre Chefs).

In dieser Ära waren "KommunistInnen" vor allem Menschen, die diese Art von staatskapitalistischer Tyrannei unterstützten. Dazu gehörten Pro-Moskau Kommunistische Parteien, MaoistInnen, andere StalinistInnen und die meisten Trotzkisten. Sie nannten sich selbst "KommunistInnen", und das taten auch die meisten ihrer GegnerInnen. Auf der anderen Seite waren "Anti-KommunistInnen" nicht nur jene, die gegen solche Regime waren, sondern auch jene, welche den westlichen Imperialismus unterstützten - eine Gruppe die von Liberalen bis zu gestörten FaschistInnen reichte. Zur gleichen Zeit denunzierten die Pro-Moskau Richtungen libertäre SozialistInnen als "anti-kommunistisch" und als "anti-Sowjetisch". Einige Menschen fingen an sich "Anti-Anti-KommunistInnen" zu nennen, um zu sagen, dass sie nicht den KommunistInnen zustimmen, aber auch gegen die Hexenjagd unter McCarthy waren.

Jetzt leben wir in einer neuen Zeit. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, mit der regierenden Kommunistischen Partei. Es stimmt, solche Staaten gibt es noch immer, mit Veränderungen, in China, Kuba und anderswo. Leider sind viele Menschen von ihnen begeistert. Aber insgesamt hat die Zahl und das Gewicht der kommunistischen Parteien abgenommen. Im Gegensatz dazu hat ein Aufschwung der Zahl der Menschen, die sich mit Anarchismus identifizieren, stattgefunden, der Großteil in der anarchistisch kommunistischen Tradition. Andere Leute bleiben beeindruckt von Marx, aber schauen sich libertäre und humanistische Interpretationen seiner Arbeit an. Wie sollen wir dann den Begriff "Kommunismus" heute verwenden? Hat er die gleiche Bedeutung wie in früheren Zeiten? Ich werde im folgenden die Geschichte des Begriffs und seine Bedeutungen untersuchen.

Die Gründer der anarchistischen Bewegung, Proudhon und Bakunin, nannten sich "Sozialisten" aber denunzierten den Begriff "Kommunismus". Eine typische Erklärung von Proudhon ist, dass der Kommunismus ein "diktatorisches, autoritäres, doktrinäres System [ist, welches] mit dem Axiom beginnt, dass das Individuum … der Kollektivität unterstellt ist; der Bürger gehört dem Staat… "(zitiert in Buber, 1958, S. 30-31). Bakunin schrieb: "Ich hasse Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist…. Ich bin kein Kommunist, weil der Kommunismus … notwendigerweise mit der Konzentration des Eigentums in den Händen des Staates endet" (zitiert in Leier, 2006, S. 191). Proudhon nannte sich selbst eine "Mutualisten"; Bakunin nannte sich einen "Kollektivisten".

Wenn wir an ein Kloster oder an eine Armee denken (wo alle Soldaten ihre Nahrung, Kleidung und Wohnraum erhalten), ist es einfach, zu sehen, wie man sich "Kommunismus" (einer Art) als unvereinbar mit Demokratie, Freiheit und Gleichheit vorstellen kann. In seinen frühen Schriften verurteilte Marx das Programm des "rohen Kommunismus", in dem "die Gemeinschaft nur eine Gemeinschaft der Arbeit und der gleichen Löhne ist, die von der Gemeinschaft … als universelle Kapitalisten ausgezahlt werden" (Marx, 1961, S. 125-126). Marx und Engels hingegen nannten sich Kommunisten, einen Ausdruck, den sie dem nicht eindeutigen Ausdruck "Sozialisten" vorzogen, obwohl sie diesen auch verwendeten. (Allerdings hassten sie besonders den Begriff "Sozialdemokratie", der von den deutschen MarxistInnen verwendet wurde.)

Marx' Konzept des Kommunismus ist sehr deutlich in seiner "Kritik des Gothaer Programms" erklärt. Kommunismus wäre "die kooperative Gesellschaft auf der Grundlage des gemeinsamen Besitzes der Produktionsmittel…" (Marx, 1974, S. 345). In "der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft" (S. 347) wird Knappheit und Notwendigkeit für Arbeit bleiben. "Wir haben es hier mit einer kommunistischen Gesellschaft zu tun … wie sie sich aus der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt … noch mit den Geburtsmalen der alten Gesellschaft versehen…" (S. 346). In dieser niedrigen Phase des Kommunismus, spekulierte Marx, würden Einzelpersonen Zertifikate erhalten, welche angeben wie viel Arbeit sie beigetragen haben (abzüglich eines Betrags für den Gemeinschaftsfonds). Mit diesen Zertifikaten können sie sich Konsummittel nehmen, welche die gleiche Menge an Arbeit brauchten; das ist nicht Geld, denn es kann nicht angesammelt werden. Allerdings ist es immer noch ein System der bürgerlichen Rechte und Gleichheit, in der gleiche Einheiten von Arbeit ausgetauscht werden. Angesichts der Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und unterschiedliche Bedürfnisse haben, resultiert diese Gleichheit in einem gewissen Maß an Ungleichheit.

Marx schrieb: "In einem fortgeschritteneren Stadium der kommunistischen Gesellschaft, wenn die versklavende Unterwerfung der Einzelnen unter die Arbeitsteilung und damit die Antithese zwischen der geistigen und körperlichen Arbeit, verschwunden sind; wenn Arbeit nicht mehr nur ein Mittel am Leben zu bleiben ist, sondern zu einer wichtigen Notwendigkeit wurde; wenn die rundum Entwicklung der Einzelnen ebenfalls ihre produktiven Kräfte gesteigert hat und alle Quellen von kooperativem Reichtum reichlicher fließen - erst dann kann die Gesellschaft ganz den engen Horizont des bürgerlichen Rechts überqueren und über ihre Banner schreiben: Von jedem entsprechend seiner Fähigkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse!"(S. 347)

(Aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt sind, benannte Lenin Marx’ "erste Phase der kommunistischen Gesellschaft" Sozialismus und das "weiter fortgeschrittene Stadium der kommunistischen Gesellschaft" Kommunismus. Die meisten Linken folgten dieser verwirrenden Nutzung.)

Trotz seiner Ablehnung des Begriffs Kommunismus vertrat Bakunin auch eine zweistufige Entwicklung der Wirtschaft nach der Revolution, im Sinne seines engen Freundes James Guillame. Guillame schrieb im Jahr 1874 einen Essay, in dem er Bakunin´s Sichtweise zusammenfasste. "Wir sollten … von dem Grundsatz geleitet werden: Von jedem entsprechend seiner Fähigkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse. Wenn, dank des Fortschrittes der Wissenschaft und Landwirtschaft, die Produktion den Verbrauch überholt, und dies wird einige Jahre nach der Revolution erreicht, wird es nicht mehr erforderlich sein, geizig den Anteil der einzelnen Arbeitnehmer an der Ware zu verteilen. Jeder wird sich was er benötigt von der reichlich vorhandenen sozialen Reserve an Waren nehmen…. In der Zwischenzeit wird jede Gemeinde für sich selbst entscheiden, welche Methode der Verteilung der Produkte mit der damit verbundenen Arbeit während der Übergangszeit für sie am besten ist. "(Bakunin, 1980, S. 361-362) Er erwähnt verschiedene alternative Systeme der Vergütung für die Übergangszeit; "… Es wird mit Systemen experimentiert, um zu sehen, wie sie funktionieren" (S. 361).

Die heutigen Vorschläge für Parecon (steht für participatory economics, zu Deutsch "partizipative Ökonomie"), in denen die ArbeitnehmerInnen für die Intensität und Dauer ihrer Arbeit in einer kooperativen Wirtschaft belohnt werden, würden in Bakunin´s oder Marx' Konzept einer übergehenden, beginnenden Phase einer freien Gesellschaft passen. Aber im Gegensatz zu den VertreterInnen von Parecon, erkannten Marx und Bakunin, dass dies noch sehr begrenzt war. Für Marx als auch Bakunin erfordert voller Kommunismus eine sehr hohe Produktivität und potenziellen Wohlstand, eine Wirtschaft, welche die Idee der Knappheit überwunden hat, wenn es genug Freizeit für die Menschen zur Teilnahme an der Entscheidungsfindung gibt, bei der Arbeit und in der Gemeinschaft, die Unterscheidung zwischen BefehlsgeberInnen und BefehlsnehmerInnen zu beenden. Doch weder Marx noch Bakunin beschriebenen einen sozialen Mechanismus für den Übergang von einer Phase zur anderen.

Kropotkin lehnte den zweistufigen Ansatz der MarxistInnen und der anarchistischen KollektivistInnen ab. Stattdessen schlug er vor, dass eine revolutionäre Gesellschaft "sich sofort in eine kommunistische Gesellschaft verwandeln" (1975, S. 98) sollte, das heißt, sofort in das was Marx als die "fortgeschrittenere", abgeschlossene Phase des Kommunismus gesehen hatte. Kropotkin und diejenigen, die mit ihm übereinstimmten, nannten sich "Anarchistische KommunistInnen" („Anarcho-KommunistInnen“ oder auch "kommunistische AnarchistInnen"), obwohl sie sich selbst weiterhin als Teil der breiteren sozialistischen Bewegung betrachteten.

Es war nicht möglich, argumentierte Kropotkin, eine Wirtschaft zu organisieren, die teilweise auf kapitalistischen Prinzipien und teilweise auf kommunistischen Prinzipien beruht. HerstellerInnen unterschiedlich zu belohnen, je nachdem wie viel Ausbildung sie haben, oder sogar wie hart sie arbeiten, würde die Aufteilung in Klassen wieder aufleben lassen und die Notwendigkeit eines Staat, um dies alles zu überwachen. Auch ist es nicht wirklich möglich zu entscheiden, wie viele Personen zu einem komplexen, kooperativen Produktionssystem beigetragen haben, um sie gemäß ihrer Arbeit zu belohnen.

Stattdessen schlug Kropotkin vor, dass sich eine große Stadt, während der Revolution, "auf der Grundlage des freien Kommunismus organisieren könnte; die Stadt garantiert für jeden Einwohner Wohnung, Nahrung und Kleidung…… im Austausch für … fünf Stunden Arbeit; und … alle Dinge, die als Luxus betrachtet werden können, können von jedem erlangt werden, wenn er sich für die andere Hälfte des Tages allen Arten von freien Verbänden anschließt…."(S. 118-119) Dies würde die Integration der Landwirtschaft mit industrieller Arbeit, und die körperliche mit geistiger Arbeit voraussetzen. Es blieb ein Element des Zwangs in Kropotkin´s Vorschlag. Vermutlich würden gut gebaute (gesunde) Erwachsene, die nicht fünf Stunden Arbeit beitragen würden, nicht das "garantierte" Minimum bekommen.

Anarchistischer Kommunismus wurde die dominante Strömung unter AnarchistInnen, so dass es selten wurde AnarchistInnen (mit Ausnahme der individualistischen AnarchistInnen) zu finden, die Kommunismus nicht akzeptieren, egal welche anderen Meinungsverschiedenheiten sie untereinander hatten. Mittlerweile nannten sich die MarxistInnen schon seit langem SozialdemokratInnen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach befürworteten die wichtigsten sozialdemokratischen Parteien den kapitalistischen Krieg. Lenin forderte den revolutionären Flügel der internationalen Sozialdemokratie auf, sich von den VerräterInnen zu spalten und SozialistInnen zu werden. Als Teil dessen forderte er, dass seine bolschewistische Partei und ähnliche Parteien sich Kommunistische Parteien nennen, auf Marx zurückgehend. Einige seiner AnhängerInnen beschwerten sich, dass dies die ArbeiterInnen verwirren würde, dass die Bolschewiken wie die Anarcho-KommunistInnen klingen würden. Lenin erklärte, dass es wichtiger sei, nicht mit den reformistischen SozialdemokratInnen verwechselt zu werden. Lenin setzte sich durch (wie üblicherweise in seiner Partei). Die MarxistInnen nahmen sich den Begriff "Kommunismus" zurück. Mit der Ausnahme der russischen Revolution wandten sich die meisten revolutionär gesinnten Menschen an die LeninistInnen; die AnarchistInnen wurden zunehmend marginalisiert. Der Begriff "Kommunismus" wurde vor allem das Label für LeninistInnen.

Teil 2, der Ende nächsten Monats veröffentlicht wird, wird diskutieren, ob anarchistischer Kommunismus möglich ist, unabhängig davon, ob es eine Gesellschaft benötigt, die Knappheit überwunden hat, und ob (und wann und wo) wir AnarchistInnen uns "KommunistInnen" nennen sollen.


Literatur:

• Bakunin, Michael (1980). Bakunin on anarchism. (Sam Dolgoff, ed.). Montreal: Black Rose Books.
• Buber, Martin (1958). Paths in utopia. Boston: Beacon Hill/Macmillan
• Kropotkin, Peter (1975). The essential Kropotkin. (E. Capouya & K. Tomkins, eds.). NY: Liveright.
• Leier, Mark (2006). Bakunin; A biography. NY: Thomas Dunne Books/St. Martin’s Press.
• Marx, Karl (1961). Economic and philosophical manuscripts. In Eric Fromm, Marx’s concept of man. NY: Frederick Ungar.
• Marx, Karl (1974). The First International and after; Political writings, vol. III. (David Fernbach, ed.). NY: Vintage Books/Random House.


Für www.Anarkismo.net geschrieben


Wayne Price ist Autor eines Buches mit dem Titel “Abolition of the State; Anarchist and Marxist Perspectives” geschrieben, das auf AuthorHouse oder Amazon gekauft werden kann.

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Anmerkung der Übersetzerin: dieser Text wurde so weit wir möglich in einer gender-gerechten Sprache übersetzt mit Ausnahme der Zitate, welche von mir selbst übersetzt wurden und nicht mit den deutschsprachigen Texten verglichen wurden.

author by Steffi - Anarkismopublication date Fri Nov 30, 2007 22:52Report this post to the editors

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